Marcell Jansen: Mehr Mut zum Risiko

Seit 1970 besteht beim Hamburger SV eine Frauenfußballabteilung. Doch während man den Sport in München, Turin oder London auf professionelle Füße stellt, hat man sich in Hamburg dagegen entschieden. Im FFussball-Exklusivinterview erklärt der langjährige HSV-Profi, heutige TV-Fußballexperte und SmartBets Markenbotschafter seine Sicht auf die Dinge und mahnt zu mehr Risikobereitschaft im Profifußball.

Herr Jansen, wie intensiv verfolgen Sie den deutschen Frauenfußball?

Besonders wenn große Turniere anstehen, ist man doch schon sehr interessiert und emotional dabei – besonders bei den Spielen der DFB-Nationalmannschaft. Deren Niveau finde ich richtig gut. Ich würde mich jetzt aber nicht als Frauenfußball-Experten bezeichnen. Dafür bin ich dann doch zu weit weg von den Fußballerinnen.

Können Sie dennoch die Entwicklungen der letzten Jahre beurteilen?

Ja, da hat sich zuletzt sehr viel getan und ich glaube, dass diese Fortschritte auch in den nächsten Jahren erkennbar sein werden. Der Sport zeichnet sich im Allgemeinen dadurch aus, dass er von allen Menschen ausgeübt werden kann – egal ob Frau oder Mann. Der Frauenfußballsport hat mit seiner zunehmenden Professionalität und seiner Weiterentwicklung in der Trainerarbeit und der Athletik einen richtigen Weg bestritten. Da wird noch einiges kommen. Die zukünftige Frage wird sein, wie groß man diese Aufmerksamkeit hinbekommt und wie man diese Professionalität finanzieren kann. Wobei ich es schon erstaunlich finde, dass diese Entwicklung im Frauenfußball-Land USA fast umgekehrt ist. Dort hat der Männerfußball einen immer größeren Stellenwert während es die Frauen zuletzt sehr schwierig hatten.

Sie spielten selbst beim FC Bayern München. Der Verein gilt als erfolgsverwöhnt und ist das internationale Aushängeschild der Liga. Die Bayern-Frauen taten sich in der Champions League allerdings zuletzt immer wieder schwer. Was fehlt den Münchnerinnen zur europäischen Elite um Wolfsburg oder Lyon?

Es ist ja auch bei den Männern nicht so einfach, bei der europäischen Elite mitzuspielen. Ich glaube, bei den Bayern sind die Ressourcen vorhanden, um den Frauenfußball auf diese oberste Ebene zu bringen. Doch dieser Weg muss nicht sofort zum Erfolg führen. Dabei geht es gar nicht so um den Kauf von Top-Spielerinnen sondern vielmehr um den Aufbau und die Ausbildung eines konkurrenzfähigen Nachwuchses. Dort müssen die finanziellen Ressourcen investiert werden.

Wie stehen Sie, als ehemaliger HSV-Profi, dazu, dass der Traditionsverein aus Hamburg den Frauen keine Chance gibt, sich im Profibereich zu etablieren?

Ja, die Diskussionen kenne ich. Schon damals war ich ganz klar einer der Befürworter der Frauenabteilung und habe auch immer versucht, diese zu unterstützen. Andererseits war es beim HSV zuletzt finanztechnisch immer sehr schwierig – im Vergleich zu Wolfsburg oder München. Ohne die finanzielle Unterstützung von Herrn Kühne wäre gar nicht so viel möglich gewesen. Die nötige Stabilität und die Ressourcen, eine Profi-Frauenfußball-Abteilung zu unterhalten, sind derzeit einfach nicht vorhanden. Beim Verein steht jetzt die Förderung des Nachwuchses im Fokus. Hier hat man zuletzt deutliche Fortschritte gemacht. Ich würde es sehr befürworten, wenn der HSV wieder eine professionelle Frauenfußballmannschaft aufstellt.

Aber die die Kritik liegt ja schon etwas länger zurück. Damals wechselte ein Rafael van der Vaart für 13 Mio Euro zum HSV und für eine Bundesliga-Frauenmannschaft war plötzlich kein Geld mehr da…

Ja, das war zu meiner aktiven Zeit in Hamburg. Ich hatte mich damals für die Frauenabteilung stark gemacht aber der Verein hatte halt andere Pläne und die damaligen Verantwortlichen hatten sich gegen die Frauen entschieden.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage beim Hamburger SV?

Der Verein steckt gerade in einer schwierigen Phase, wie sie andere Vereine auch schon durchleben mussten – auch Borussia Dortmund musste nach einer sehr erfolgreichen Zeit plötzlich um seine Existenz kämpfen. Es dauert sicherlich eine Zeit, bis gewisse Dinge funktionieren. Bei aller Kritik finde ich es aber sehr schade, dass so wenig über die großartige Jugendarbeit im HSV-Campus berichtet wird. Jann-Fiete Arp ist nur ein Beispiel dafür und weitere werden folgen. Es war schon sehr erschreckend, wie diese Arbeit bei einem so großen Verein in der Vergangenheit vernachlässigt wurde. Da hat man sich zuletzt ganz neu und großartig ausgerichtet.

Sehen Sie die Traditionsvereine angesichts der immer einflussreicher werdenden sogenannten „Retorten-Clubs“ gefährdet?

Nein, das ist ich eher als Motivation denn als Gefahr. Tradition schützt nicht vor Leistung, man sollte sich also nicht auf der Vergangenheit ausruhen.

Zurück zu den Frauen: DFB-Nationaltrainerin Steffi Jones stand zuletzt heftig in der Kritik. Wie beurteilen Sie den Schritt des DFB, einen Trainer-Neuling auf diesen Posten zu setzen?

Ich glaube, es ist nicht verkehrt solche Impulse zu setzen, das muss nicht immer gleich Früchte tragen. Man muss Vertrauen haben und der Nationaltrainerin die Zeit geben.

Man erhoffte sich einen ähnlichen Effekt wie damals unter Jürgen Klinsmann bei den Männern. Wie haben Sie Herrn Klinsmann kennengelernt?

Er ist ein großer Visionär, der sich auch mal etwas traut. Er hat immer wieder neue, unkonventionelle Ideen. Solche Veränderungen sind gut und wichtig – das muss nicht immer funktionieren. Wir sollten auch unsere deutsche Mentalität ein bisschen überdenken. Wir haben immer Angst vorm scheitern. Daher ist jemand, der mal etwas riskiert sehr schnell öffentlicher Kritik ausgesetzt.

Weil Sie gerade das Risiko ansprechen. Können Sie sich vorstellen, dass ein Profi-Trainer aus dem Männerbereich einmal die Frauen-Nationalmannschaft übernimmt?

Prinzipiell wäre das absolut denkbar und ich fände das auch ganz gut. Schließlich geht es auch um Fußball, Taktik, darum Lösungen zu finden, ein Team zu motivieren und weiterzuentwickeln. Die Frage ist, ob sich die Trainer dafür motivieren können, da sie ja doch weniger im Rampenlicht der öffentlichen Wahrnehmung stehen.

In : DFB, Interview
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