Mission erfüllt? 8 Tore für neues Selbstvertrauen

FFussball hat für Euch die ersten beiden Länderspiele nach Steffi Jones’ Rauswurf unter Leitung von Interimscoach Horst Hrubesch unter die Lupe genommen – eine Analyse.

Der Anfang März ausgespielte SheBelieves Cup geriet zur Katastrophe für die deutsche Nationalmannschaft. Kein Sieg, gegen Frankreich eine blutleere Vorstellung und unglückliche Entscheidungen von Steffi Jones als verantwortliche Bundestrainerin. Es soll Zerfallserscheinungen im Team, Grüppchenbildungen gegeben haben. Jones’ Entlassung folgte prompt und Horst Hrubesch, dem ehemaligen deutschen Stürmer und langjährigen Trainer der U21-Männermannschaft sowie des Olympiateams der Männer von Rio 2016 wurden Interimsweise für zwei Spiele die Verantwortung übertragen. Eine skurrile Pressekonferenz in der Halbzeit des Pokalspiels zwischen dem 1. FFC Frankfurt und Turbine Potsdam im März mit der DFB-Frauenspitze mutete merkwürdig, skurril, fast chaotisch an. Doch bis ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gefunden ist, leitete Hrubesch für die beiden siegreichen WM-Qualifikationsspiele gegen Tschechien (4:0) und Slowenien (4:0) die Frauen-Nationalmannschaft.

Die Vorbereitung:

Viel Zeit hatten Hrubesch und sein Team nicht zusammen. Zeit, um neue Taktiken im Training einzuüben, erst recht nicht. Doch schon im Vorfeld zeigte sich der 66-Jährige fleißig und akribisch bei seiner Arbeit. Viele Spiele in der Frauen-Bundesliga besuchten er und sein Team, darunter auch Silvia Neid, die anders als bei Jones als Scout nahe am Team dabei ist. In den Halbzeitpausen brachte sie dem Team ihre Erkenntnisse von der Tribüne in die Kabine. Auch beim UEFA Women’s Champions League Spiel in Wolfsburg gegen Slavia Prag war Hrubesch auf der Tribüne. Kein Wunder: Viele Spielerinnen von Prag sind Bestandteil der tschechischen Nationalelf. Zur Auflockerung besuchten Hrubesch und sein Team vor der Tschechien-Partie zudem das Spiel der deutschen Handball-Nationalmannschaft gegen Serbien in Leipzig – eine Teambuilding-Maßnahme.

Späte Kritik an Jones:

Die Ehrung von Lena Goeßling nach ihrem 100. Einsatz, den sie noch unter Jones hatte, wirkte wie ein kleiner Seitenhieb gegen die Ex-Bundestrainerin. Nach der Nichtnominierung zum Testspiel gegen Frankreich im vergangenen November, Goeßlings Reaktion, bei der sie deutliche Worte gegen Jones fand, darauf und die ungeschickte, wenn nicht gar unwürdige Einwechslung beim SheBelieves Cup zum 100. Einsatz hatten das Verhältnis der Wolfsburger Mittelfeldspielerin zu Jones sichtbar belastet. Dass Hrubesch sie nicht nur von Beginn an gegen Tschechien aufstellte („Ich brauche sie in der Startformation“), sondern sie auch noch viel Aufmerksamkeit durch die DFB-Ehrung auf sich zog, könnten zumindest als Sticheln gegen Jones gedeutet werden. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ sagte Hrubesch zudem, dass die Hierarchie im Team nicht stimme: „Ich hätte mir auch gewünscht, dass Steffi den Spielerinnen etwas mehr Verantwortung gibt. Ich hoffe, dass wir als neues Trainerteam die Spielerinnen jetzt dazu bringen, dass sie wieder mit mehr Leben auf den Platz gehen“ (siehe auch „System und Personal“).

Die Idee der Kommunikation:

Ob die Spielerinnen ihn duzen oder siezen, stellte der Europameister von 1980 frei. Eine Mischung aus Lockerheit und gemäßigter Strenge sollten in zwei Spielen dem Team Selbstsicherheit einhauchen. Während der beiden Spiele rief der Interimstrainer immer wieder laut Kommandos ins Spiel, forderte an der einen oder anderen Stelle Verbesserung. 180 Spielminuten und darüber hinaus kommunizierte der neue gradlinig und direkt agierende DFB-Frauentrainer. Schon während der Spiele und nach Schlusspfiff sprach er mit seinem Trainerteam, den Ersatzspielerinnen und den Akteurinnen auf dem Platz, nahm sie in den Arm, demonstrierte gestisch die eine oder andere Situation. Einen richtigen Ton treffend, den seine ebenfalls kommunikative Vorgängerin Jones zuletzt nicht mehr fand.

System und Personal:

Im ersten Spiel gegen Tschechien veränderte Hrubesch nicht viel, schraubte nur an ein paar Stellschrauben – meist an den Richtigen. Der Interimstrainer beließ es beim 4-4-2-System, ließ überraschenderweise Sara Doorsoun mit Kristin Demann in der Innenverteidigung ran. Eine Position, die Doorsoun auch bei der SGS Essen nur selten spielt. Dafür rotierte die zuletzt starke Kathrin Hendrich auf die Bank. Leonie Maier verteidigte in der ersten Halbzeit auf der linken Seite, wo ihre Karriere begann, erst zur zweiten Halbzeit wechselte sie auf rechts, machte insgesamt ihre Sache sehr gut. Vorne im Doppelsturm startete Alex Popp, zuletzt unter Jones auch im Mittelfeld eingesetzt sowie Lea Schüller. Die 20-Jährige bestritt erst ihr sechstes Länderspiel, ihr erstes in der Startformation. Eine glückliche Entscheidung, da sie alle vier Treffer erzielte.

Auch Hrubeschs Wechsel nach der Halbzeit waren von seine Konsequenz geprägt: Die (pass-)schwachen Anna Blässe und Goeßling mussten raus. Gegen Slowenien brachte Hrubesch einige frische Kräfte und stellte gleich vier kreative Spielerinnen ins Mittelfeld, die Beste dieser Zentrale war die quirlige Linda Dallmann. Auch sein Schachzug, Svenja Huth auf die rechte Abwehrseite zu stellen, ging auf. Zum Nationalelfdebüt kam Turid Knaak. Eine der Erkenntnisse der verkorksten EM 2017 waren die fehlenden Führungsspielerinnen. Natürlich ist das auch eine Frage des Selbstvertrauens, was zur Zeit der kompletten Mannschaft fehlt. Doch gerade Dzsenifer Marozsán schafft es momentan nicht, beim DFB ihre Qualitäten auf dem Platz zu präsentieren. Ist das Kapitäninnenamt gar eine Bürde, weshalb sie das Team nicht führen kann? Symptomatisch ihr (nicht schlecht geschossener) vergebener Elfmeter gegen die Sloweninnen in der Schlussphase. Eine der vielen weiterhin offenen Baustellen, die Hrubesch und sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin haben.

Paul Schönwetter

1 Kommentar

  1. Mr WordPress

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