Am Tiefpunkt angelangt

Steffi Jones steht mehr denn je in der Kritik – nicht nur, weil nach der 2:3-Niederlage gegen Island die WM-Qualifikation in Gefahr ist. Denn der klaren Analysen und Worte der Bundestrainerin folgen bislang keine Taten. DFB-Präsident Reinhard Grindels Rückendeckung schwindet.

Nein, Steffi Jones stehe nicht unter besonderer Beobachtung, versicherte der DFB. Dessen Präsident Reinhard Grindel, der im Sommer zu keinem EM-Spiel reiste und auch in Wiesbaden gegen Island fehlte, machte sich am Dienstag beim 11:0 (6:0)-Sieg über die Färöer-Inseln ein Bild der Lage, vor Ort in Großaspach. Er wollte „Solidarität zeigen“, erklärte Grindel in der ARD, von der 2:3-Niederlage gegen Island sei er aber natürlich „auch enttäuscht“ gewesen. Die nachfolgenden Worte allerdings klangen schon eher bedrohlich, was den Job der 44-jährigen Bundestrainerin angeht: „Wir brauchen eine Steigerung. Die Leistungen sind in der WM-Quali nicht besser, sondern schlechter geworden. Es kommt darauf an, die Qualifikation zu schaffen – die nächsten Spiele müssen wir uns sehr genau anschauen.“

Denn nach der Pleite gegen Island gerät sogar die sicher geglaubte Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Frankreich in Gefahr. Aus Europa nehmen nur die sieben Gruppenersten plus Gastgeber 2019 teil. Von den vier besten Gruppenzweiten fährt nach einem Miniplayoff nur ein weiteres Team nach Frankreich. Immerhin haben es die DFB-Frauen nach Islands 1:1 in Tschechien mit einem Sieg im Rückspiel auf Island (September 2018) wieder selbst in der Hand. Ansonsten droht Jones’ Team droht eine Ausscheidungsrunde mit Mannschaften wie den Niederlanden oder Norwegen und den Däninnen. Eine WM ohne Deutschland? Eigentlich unvorstellbar und für viele Nationalspielerinnen ein Horrorszenario, WM und damit auch die nächsten Olympischen Spiele zu verpassen.

Das Spiel gegen die Färöer mag ordentlich gewesen sein, aber weder eine Wiedergutmachung noch Maßstab, den nur 2207 Zuschauer verfolgten: so wenige wie seit 2001 nicht mehr, ein weiterer negativer Fingerzeig. Die historische 2:3-Pleite (erste Qualifikationsniederlage seit 19 Jahren) gegen Island in Wiesbaden am vergangenen Freitag nimmt größere Ausmaße. Der Pflichtsieg, das Schützenfest gegen den klaren Außenseiter Färöer kann die Mängel bei der deutschen Frauennationalmannschaft nicht mal eben überdecken. Streng genommen war es kaum die von Jones geforderte „angemessene Reaktion und mehr“. In Wiesbaden war klar, die DFB-Frauen sind – ohne Islands Leistung schmälern zu wollen – am Tiefpunkt angelangt. Oder wie Jones es ausdrückte: „Die Ampel ist rot.“

Am Wochenende danach kam es zu einer (ersten) Aussprache der Spielerinnen, bei der die Bundestrainerin nicht anwesend war. Schon bei der EM-Endrunde in den Niederlanden hatten die DFB-Frauen nicht an Selbstkritik gespart, Jones in Schutz genommen. Natürlich gehört es zu den Aufgaben, sich zu hinterfragen, warum das Vorgenommene, die klaren Vorstellungen nicht als Team auf dem Platz umgesetzt werden können, doch die Verantwortung liegt nun einmal in den Händen des Trainerteams.

Dass sich Steffi Jones nach der Island-Pleite mehr oder weniger komplett aus der Verantwortung nahm, kam nicht allzu gut an. Die Mannschaft müsse sich vor allem selbst hinterfragen, erklärte sie auf der Pressekonferenz in Wiesbaden und wirkte ratlos. Zwar relativierte Jones ihre Aussagen vor dem Färöer-Spiel und sagte: „Ich nehme nicht nur die Mannschaft, sondern auch uns als Trainerteam in die Verantwortung.“ Doch wie sie diese erfolgreich umsetzt und die DFB-Frauen wieder auf Erfolgskurs bringt, ist unklar.

Denn die Frage bleibt bestehen, ob Jones Bundestrainerin kann. Bei ihrem Amtsantritt im Herbst 2016 hatte sie keinerlei Erfahrung als Fußballlehrerin vorzuweisen. Die Stimmung schwankte zwischen der Hoffnung auf frischen Wind nach spielerischer Stagnation unter Vorgängerin Silvia Neid und vielen kritischen Stimmen, die sich nach dem frühen EM-Aus im Viertelfinale vermehrten. Auch die DFB-Spitze um Grindel äußerte sich direkt nach dem EM-Aus skeptisch – bevor Jones’ Vertrag vorzeitig bis 2019 mit Option auf ein weiteres Jahr verlängert wurde.

Jones und ihr Trainerteam und der DFB versprachen harte und selbstkritische Analysen. Doch den bisherigen, nur teils selbstkritischen Worten der Bundestrainerin – wozu auch ihre EM-Analyse Anfang September zählt – folgten keine Taten. Sie selbst gab nach dem Island-Spiel zu, dass genug geredet worden sei. Der Auftritt von Freitag für Jones eine „große Enttäuschung. Wenn es die Mannschaft braucht, gibt es noch mehr Peitsche.“ Worte, die kaum zur 44-Jährigen zu passen scheinen. Es bleibt die Frage, welchen Führungsspiel das DFB-Team braucht und ob Jones diesen bieten kann. Ihre personellen wie taktischen Änderungen in der WM-Quali waren bislang zumindest unglücklich. Torfrau Laura Benkarth, die nach Schults Verletzung gegen Tschechien stark hielt, sollte „für ihre starken Leistungen belohnt“ werden, spielte gegen Island – und patzte mehrfach. Ausgerechnet die Position, bei der es während der Europameisterschaft am wenigsten Probleme gab. Auch die Abkehr vom Rautensystem (während der EM stark kritisiert, aber danach von Jones vehement verteidigt) und der Rückkehr zu Neids 4-2-3-1-System. Erst gegen Färöer kehrte Jones zurück zum 4-4-2-System. Ein Schlingerkurs.

Kann die harmoniebedürftige, offene Jones die Zügel wirklich anziehen? Bleibt sie ihren Worten treu? Authentisch wirkt das Ganze bisher nicht, auch wenn sie behauptet, sie könne streng sein. Der unklare Kurs wird fortgeführt, Jones wirkt unsicher. Islands Trainer Freyr Alexandersson sprach davon, dass das DFB-Team derzeit „sehr leicht auszurechnen“ sei. Beim DFB-Spiel mangelt es unter anderem an effektiven Pressing, schnörkellosem Spielaufbau und defensiver  Stabilität, von einer guten Chancenverwertung ganz zu schweigen. Jones schafft es nicht, dass ihre Spielerinnen als ein Team auf dem Platz auftreten.
Bereits das zweite WM-Qualifikationsspiel in Tschechien war eine katastrophale Darbietung und dem möglichen spielerischen Niveau der DFB-Frauen unwürdig. Jones hatte Glück, die drei Punkte mitzunehmen. Der berechtigte Hinweis, es gebe immer mehr Frauennationalmannschaften, die guten Fußball bieten oder Topnationen wie Deutschland taktisch Paroli bieten können, darf keine Entschuldigung bieten.

Nach dem 11:0-Kantersieg sprach die Bundestrainerin von einem „guten Spiel, in dem die Spielerinnen Selbstvertrauen holen konnten“. Grindel wird der Pflichtsieg über die Färöer-Inseln nicht reichen, die Leistungen in den Testspielen gegen England und Frankreich (November) werden entscheidend sein für Jones. Diese muss und sollte eine klare Linie finden und dafür sorgen, dass die Spielerinnen gegen Gegner auf Augenhöhe ihren Worten angemessene Reaktionen und Taten folgen lassen.

Von Paul Schönwetter

In : Allgemein
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