EM: Das Beste zum Schluss

Das abwechslungsreiche Finale versöhnte viele für ansonsten wenig Neues. Trainer Colin Bell äußert sich FFussball-Magazin gegenüber exklusiv zum Rotieren während eines Turniers.

Enschede. „Jij Krijgt Die Lach Niet Van Mijn Gezicht“ („Du kriegst das Lachen nicht aus meinem Gesicht“), sangen die niederländischen Spielerinnen auch noch lange nach Spielschluss, als sie in einer Polonaise feucht-fröhlich durch die Interviewzone tanzten. Mitten drin Lieke Martens, die zur besten Turnierspielerin gewählt wurde, Jackie Groenen, Vivianne Miedema oder Shanice van de Sanden, die mit Offensivfußball begeisterten. Das Beste hoben sich die beiden Finalteilnehmer fürs Endspiel auf. Angesichts sechs Toren, Spannung und jeder Menge Offensivszenen kamen die Fans auf ihre Kosten, Frauenfußball-kritiker dürften erst einmal verstummen. Gastgeber Niederlande als vierte Nation insgesamt ist erstmals Europameister und Dänemark präsentierten den Fans bei der Jubelfeier in orange beim 4:2-Sieg ein berauschendes Fußballfest.

Aber war die EM wirklich Werbung für den Frauenfußball? Die Zahlen sprechen von einer Steigerung und erzählen von Rekorden. Alle Spiele mit niederländischer Beteiligung waren ausverkauft, rund 240.000 Fans in den Stadion, so viele wie noch nie. In vielen Ländern wurden Bestmarken von TV-Quoten übertroffen, die Gesamteinschaltquote lag bei rund 165 Millionen Zuschauern, mit Marktanteilen von bis zu 66 Prozent, das Finale wurde in 80 Länder ausgestrahlt.

Doch spielerisch, taktisch gab es wenig Überraschendes, man darf von einer Stagnation sprechen. Der irische Frauennationaltrainer, Colin Bell, der das Turnier beobachtet hat, sagte: „Von taktischen Systemen habe ich keinen Trend erkannt.“ Eine Aufstockung auf 16 Teams sei richtig gewesen. Die Leistungsdichte ist höher, auch wenn der Unterhaltungswert nicht immer da war. Doch das Spiel im Frauenfußball ist physisch und taktisch stärker geworden, kaum einem Team ging gegen Ende einer Partie die Luft aus. Anders als bei der Männer-EM vor einem Jahr oder der Frauen-WM 2015 in Kanada, als Teams wie die Elfenbeinküste, Ecuador oder Thailand regelmäßig viele Tore fingen und keineswegs an das Niveau der anderen herankamen, waren es in der Niederlande oft nur Nuancen, die über Sieg oder Niederlage entschieden.

Die Defensivstrategie der meisten Teams in der Vorrunde wurde teilweise auch in den K.o.-Spielen angewandt. Für Bell, der 2015 mit dem 1. FFC Frankfurt die Champions League der Frauen gewann, „legitim und gast zu erwarten. Wenn du das erste Spiel nicht gewinnst, wird es schwierig, dann musst du das zweite Spiel schon gewinnen.“

Während die Favoriten scheiterten reihenweise scheiterten, erst Norwegen, dann Schweden, Deutschland und Frankreich, gab es aber einige positive Überraschungen: „Das belgische Team hat mich überrascht. Die Art und Weise, wie sie gespielt haben, war sehr erfrischend. Tessa Wullaert mit einer überragenden Spielweise, die anderen Spielerinnen haben sich an ihr orientiert und an ihrem Limit gespielt. Aber auch wie Holland sich entwickelt hat. Sie haben überragend gespielt, getragen von der fantastischen Unterstützung des Publikums. Auch Österreich, gerade taktisch“, sagte Bell. Gerade das frühe Aus von Norwegen habe ihn überrascht.

Kritik bekam Bundestrainerin Steffi Jones nach dem Scheitern im Viertelfinale gegen den Vizeeuropameister Dänemark. Sie habe zu viel gewollt, durch das viele Rotieren habe das Team in der Vorrunde keinen Spielrhythmus gefunden. Auch Bell sieht das kritisch: „Auf dieser Ebene als Nationalmannschaft ist es fast unmöglich zu rotieren. In einem Turnier, finde ich, sollte man seine stärkste Elf kennen.“ Doch das Team sei „auf dem richtigen Weg, mit der Art ihres Spiels. Trotzdem muss man dann zielstrebiger spielen, das hat gegen Dänemark gefehlt“, erklärte er.

Wahrscheinlich wird dieser Weg auch mit ihr fortgeführt, der mit Bondscoach Sarina Wiegman auf jeden Fall. Der Titelgewinn sollte den Frauenfußball in den Niederlanden weiter fördern, doch dafür braucht es bessere Strukturen, auch seitens des Verbandes KNVB: Wiegman hielt nach dem Finale am Sonntag ein Plädoyer für eine bessere Förderung des Mädchen- und Frauenfußballs im Land des Europameisters und das Einbeziehen von Juniorinnen in den Jungs-Spielbetrieb.

Wie schon am Tage zuvor, als der dänische Coach Nils Nielsen sich die Zeit nahm, um auf der Abschlusspressekonferenz vor dem Finale Kritiker aufforderte, Frauenfußball nicht ständig mit Männerfußball zu vergleichen. Denn die Tage hatte Arnold Mühren, Europameister mit den Niederlanden bei den Männern 1988, in der niederländischen Tageszeitung „De Telegraaf“ das Frauen-Elftal-Niveau als „Fünftliga-Männer-Niveau“ verspottet. „Dieses holländische Team hat Respekt verdient“, sagte Nielsen, „wer kein Frauenfußball mag, soll ruhig sein, den Fernsehen ausschalten und nicht ins Stadion kommen, alles andere ist respektlos. Wenn man Schokolade kauft, möchte man Schokolade schmecken. Aber wenn man ein Eis kauft und Schokolade schmecken möchte, wird der Geschmack seltsam sein.“ Recht hat der Vizeeuropameister-Trainer aus Dänemark, und gezeigt haben es beide Mannschaften im Finale.

Paul Schönwetter

EM-Finale: Niederlande – Dänemark 4:2 (2:2)

Niederlande Dänemark
Niederlande

6. August 2017, 17 Uhr in Enschede (De Grolsch Veste)
Zuschauer: 28.182
Schiedsrichterin: Esther Staubli (Schweiz Schweiz)
Dänemark

Sari van Veenendaal – Desiree van Lunteren (57. Dominique Janssen), Anouk DekkerStefanie van der GragtKika van Es(90.+4′ Mandy van den Berg) – Jackie GroenenDaniëlle van de DonkSherida Spitse Kapitän der Mannschaft – Shanice van de Sanden (90. Renate Jansen), Vivianne MiedemaLieke Martens
Trainer: Sarina Wiegman
Stina Lykke Petersen – Theresa NielsenSimone Boye Sørensen(77. Line Røddik Hansen), Stine LarsenCecilie Sandvej – Sanne Troelsgaard NielsenMaja Kildemoes (61. Frederikke Thøgersen), Sofie Junge Pedersen (82. Nanna Christiansen), Katrine Veje – Pernille Harder Kapitän der MannschaftNadia Nadim
Trainer: Nils Nielsen
Tor 1:1 Vivianne Miedema (10.)
Tor 2:1 Lieke Martens (28.)Tor 3:2 Sherida Spitse (51.)
Tor 4:2 Vivianne Miedema (89.)
Tor 0:1 Nadia Nadim (6., Foulelfmeter)

Tor 2:2 Pernille Harder (33.)

Gelbe Karten Groenen (21.), Dekker (43.), van der Gragt (72.) Gelbe Karten Nadim (45.)
Player of the Match: Sherida Spitse (Niederlande)
In : Allgemein
Die Saison starten mit uns!
News – powered by womensoccer.de