Mit allen Mitteln zum Erfolg

Ganz entspannt und cool lehnt sich Mark Sampson beim letzten öffentlichen Training vor dem Halbfinale in Enschede gegen Gastgeber Niederlande (Donnerstag, 20:45 Uhr) an das Geländer und beobachtet sein Team. Lautstark ertönt Musik aus einem CD-Rekorder, die Stimmung ist locker. Wer den englischen Coach beim Training beobachtet, traut seinen eigenen Augen nicht. Das soll Sampson sein, der während eines Spiels die Coaching Zone gerne einmal verlässt, hoch emotional und wild gestikulierend, taktische Anweisungen ins Spiel hinein schreit? Ja, es ist der 34-Jährige Perfektionist, der am Mittwochvormittag in Utrecht seine „Lionesses“ gegen die „Oranje Leeuwinnen“ vorbereitet.

Dass für einen Titelgewinn bei der Frauen-EM in den Niederlanden kein Weg an England vorbeiführt, liegt hauptsächlich an ihm. Englands Kapitänin Stephanie Houghton sagt: „Im Vergleich zur WM 2015 sind wir um einiges fitter, haben ein besseres Zusammengehörigkeitsgefühl im Team und in den zwei Jahren viel Erfahrung gesammelt.“ Er lasse den Spielerinnen Zeit, um zu relaxen, damit man sich auf dem Platz fokussieren könne. Sampson trainiert das Team seit 2013, nachdem er vier Jahre lang Bristol Academy coachte und den Klub zur Vizemeisterschaft führte. Bekannt wurde der Waliser, als er mit England überraschend den dritten Platz bei der WM 2015 in Kanada errang.

Doch der damalige 1:0-Sieg über Deutschland sollte nur eine Zwischenstation sein. Ehrgeizig formt Sampson seitdem ein eingeschworenes Team, das konkurrenzfähig zur Phalanx der üblichen Favoriten Deutschland oder Frankreich sein soll. Bei Sampson ist es so: Wer zu den Gewinnern zählen will, muss zu ihm gehören. Und wer zu ihm gehören will, muss sich auf dem Platz bedingungslos hinter ihn stellen, sich dem Erfolg unterordnen. Spielerinnen wie Eniola Aluko, die ihm – verärgert über die Nichtnominierung –  vorwarf, „Lieblinge im Team“, zu haben, dürfte keinerlei Zukunft im Nationalteam mehr haben.

So gehört England vielleicht nicht zu den spielerisch besten Teams, aber es zeichnet neben der Fitness die Gradlinigkeit im Spiel, die absolute taktische Diszipliniertheit und Variabilität auch das eiskalte Ausnutzen von gegnerischen Fehlern aus. Das Team ist nur schwer auszurechnen, weil Sampson gerne taktisch variiert, vor, aber auch während den Spielen. Sobald er Fehler im Spiel entdeckt, korrigiert er lautstark von der Seitenlinie.

Neben dem Platz ist der extrem selbstbewusste Coach der ruhige, coole Typ, auf dem Platz und im Training verlangt er seinen Spielerinnen alles ab. Perfektionistisch plant Sampson den Erfolg, dem er fast alles unterordnet. Francesca Kirby beschreibt ihn als „coolen, leidenschaftlichen Typen“, den ein unbedingter Siegeswille auszeichnet: „Er macht alles, um zu gewinnen. Er gibt immer 100 Prozent.“

Doch nicht wenige kritisieren gerade das: sein arrogantes, selbstsicheres und extrem siegesbewusstes Auftreten – und die Unfairness, die er von seinen Spielerinnen für den Erfolg einfordert. Vor dem Gruppenspiel gegen Spanien kritisierte er noch die Theatralik beim Gegner, um im Spiel seine eigenen Spielerinnen aufzumuntern, selbst etwas länger als notwendig liegen zu bleiben. Im Viertelfinale gegen Frankreich ließ er am Ende alle bei Ballbesitz Richtung gegnerischer Eckfahne laufen, den Ball einklemmen, bestenfalls einen Einwurf oder eine Ecke herausholen – die komplette sechsminütige Nachspielzeit lang. Für Houghton kein unfaires Verhalten: „Wenn es uns hilft zu gewinnen und kein Gegentor zu kassieren, ist es ok. Es ist eine Taktik, die seit vielen Jahren beim Fußball verwendet wird.“ Vorbildcharakter hat diese Spielweise nicht, aber sie ist erfolgreich und lässt die „Lionesses“ womöglich Sampsons großes Ziel erreichen – einem Titel. Im letzten Gruppenspiel gegen Portugal veränderte er sein Team auf zehn Positionen. Ein riskantes Unterfangen, doch Sampsons Idee, allen Einsatzminuten zu verschaffen, ging auf. Er verwies auf die drei Vorrundensiege: „Das ist fantastisch. Wir alle sind eine Gruppe, das Rotieren hilft uns, als Gruppe gemeinsam zu gewinnen.“ Lästige Fragen von Journalisten, die er arrogant mit Allgemeinsätzen beantwortet. Eine Nachfrage eines Journalisten zur Rotation kommentierte Sampson mit „Sie insistieren aber! Wir haben gewonnen, es gibt bei mir kein erstes und kein zweites Team – nur ein Team England“ und verwies – nicht ohne Stolz – darauf, als bestes Team die Vorrunde abgeschlossen zu haben.

„The Telegraph“ schrieb nach dem Viertelfinale über ihn: „Sampson ist vielleicht nicht jedermanns Idealvorstellung eines Traines, aber er erweist sich als ein guter Coach.“ Einer, der zwar nicht sympathisch sein muss, aber trotzdem eine gewisse Faszination auslöst.

Von Paul Schönwetter

Halbfinal-Übersicht

Donnerstag, 3. August 2017, 18:00 Uhr in Breda
Dänemark Dänemark Österreich Österreich -:- (-:-)
Donnerstag, 3. August 2017, 20:45 Uhr in Enschede
Niederlande Niederlande England England -:- (-:-)
In : Allgemein
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